Straßenkampf in Altona

Verkehrskollaps immer Schlimmer – Kommen wir alle unter die Räder?

Bezirk Altona – Wenn Stinkefinger töten könnten, dann läge die Elbchaussee voller Leichen. Vor allem morgens und abends. Denn dann wird Hamburgs Pracht-Straße zur Quäl-Trasse und die Autofahrer fangen an zu fluchen. Grund: Schneckentempo, Schlange fahren, Staus. Auf den Bürgersteigen inhalieren Fußgänger dicke Abgaswolken. Rad- und Motorradfahrer fühlen sich von den Blechkarawanen eingeklemmt. „Schnellbusse“ der Linie 36 kommen nur im Schritttempo voran.

Stau auf der Elbchaussee –und das regelmäßig zum Feierabend. Baustellenbehindern zusätzlich den Verkehr (Foto: Wiegand)

Steht der Bezirk Altona vor dem Verkehrskollaps? Tatsache ist: ob auf der Elbchausse oder auf der B431 zwischen Rissen und Sternschanze – überall stehen Autos immer wieder Stoßstange an Stoßstange. Nervig auch die Baustellen im Hamburger Westen. Fatal: der Autostrom schwappt über – in Wohngebiete. Das lässt die Fußgänger stöhnen. Und nun kommen auf Bürgersteigen noch die Tretroller (eScooter) dazu… wohin wird das führen?

Die Verkehrsproblematik im Bezirk Altona ist ein Top-Thema unter den über 270.000 Einwohnern. Kein Wunder: das Fahrzeugaufkommen belastet alle. Auto-, Motorrad- und Radfahrer ebenso, wie die Fußgänger.

Die angespannte Straßenlage verschärft sich durch ein Übermaß verkehrsbeeinflussender Bauvorhaben. „Der rotgrüne Senat verwirklicht zu schnell zu riesige Neubauprojekte,“ kritisiert FDP-Komunalpolitiker Lorenz Flemming. In der Tat: in zehn Jahren liefen 15 Großprojekte in fünf Altonaer Stadtteilen. Jeder Neubau, jede aufgerissene Straße und jedes Baugitter bedeuten Vollsperrung, Teilsperrungen oder Umleitungen. Da müsse „eine deutliche Entzerrung“ her, sagen die Liberalen.

Liste Altonaer Großprojekte:

  1. Fernbahnhof Diebsteich mit Umfeld
  2. Schließung Fernbahnhof Altona
  3. Science City
  4. Deckel A7 Othmarschen
  5. Deckel A 7 Bahrenfeld
  6. Umgestaltung Bahrenfeld Nord
  7. Mitte Altona 2. Bauabschnitt
  8. Holstenareal
  9. Neubau Krankenhaus Altona
  10. Neunutzung der evozierten Deckelfinanzierungsflächen
  11. Neubau Hermes-Gelände
  12. Neugestaltung Schulstandort Struenseequartier
  13. Neubau Trinitatis-Quartier
  14. Fernwärmetrasse MVR-Bahrenfeld
  15. Schnellbahnanbindung U 5 oder S 32 Nord nach Lurup und Osdor

Direkt betroffen von der Schleicherei auf Altonas Straßen ist die Taxen-Union Hamburg Hansa e.V. Ihr Servicedienst www.taxiposten.hamburg hat sozusagen das Ohr am Asphalt. Fast täglich erhalten die Fahrer Warnungen wie diese: „In Hamburg Altona-Altstadt wird für den öffentlichen Weg Virchowstraße eine Straßenvollsperrung erforderlich.“ Schon wieder…

Das Kolonnenchaos hat längst Wohngebiete erreicht. Grund: genervte Autofahrer versuchen verstopfte Hauptstrecken zu umgehen, steuern vermeintlich schnellere Ausweichrouten an. Folge: mancher Schleichweg wird erst recht zum Schleichweg – abgedichtet von Durchfahrern.

Parkraummanagement in Blankenese (Foto: Wiegand

„Um das zu vermeiden, könnten in verdichtet bebauten Quartieren besondere Haltezonen für Paketboten eingerichtet werden.“ Das schlagen die Freien Demokraten in ihrem Programm zur Altonaer Bezirksversammlungswahl (26. Mai) vor. Die Liberalen weiter: „Gebt Busspuren für örtlichen Lieferverkehr frei!“

Autos aus Zentren bannen?

Verstopft sind selbst Fußwege an Altonas Straßen – durch halb auf dem Straßenrand parkende Wildparker. Das nervt Mütter mit Babywagen: der passt bisweilen kaum durch die Lücke zwischen Auto, Hecke oder Zaun. Das Phänomen sieht man häufig nahe von S-Bahnhöfen. Grund: Pendler steuern gerne bahnnahe Wohngebiete an, um gebührenpflichtige Stellplätze zu vermeiden. Vorschlag der FDP: „Park+Ride Gebühren abschaffen oder Parkhaustickets auf den HVV-Preis anrechnen.“

In manchen Stadtteilen ist die Geduld der Einwohner mit dem durchbrausenden Verkehr am Ende. Schon vor Jahren protestierten Bürger in Rissen entlang der hochfrequentierten Wedeler Landstraße. Nun mucken auch Bürger in Ottensen auf, entlang der Strecke Holländische Reihe – Bernadottestraße. Dort gilt eigentlich Tempo 30. Dennoch: „Die Straßen sind zu laut, zu voll und zu gefährlich; Luftverschmutzung und Lärmstress machen die Menschen krank,“ so eine örtliche Initiative.

Sind autofreie Zentren eine Lösung? In Ottensen wagt man das Experiment. Laut Mehrheit der Bezirksversammlung Altona soll die Gegend rund um den Spritzenplatz mehrere Monate Kfz-frei werden. Die Testphase soll zeigen, ob der quirlige Stadtteil dauerhaft autofrei werden kann.

Ein Problem autofreier Quartiere ist: wohin mit den fahrbaren Untersätzen der Anwohner? Sind Sonderkonditionen in Parkhäusern der richtige Weg? Oder sollten Rechte auf Bewohnerparken vergeben werden? Fragen, die jetzt in Ottensen geklärt werden sollen.

Unterdessen fährt der rotgrüne Senat damit fort, Hamburg zur „Fahrradstadt“ ausbauen. Überall entstehen „Velorouten“ – mit bisweilen fatalen Folgen. So, wie auf dem Rugenfeld am Ring 3 hinter der Kreuzung Osdorfer Landstraße: den Autos wurde eine Fahrspur „geklaut“ – nun gibt es dort auf dem Asphalt einen breiten Radfahrweg – den selten jemand benutzt und der für Radfahrer gefährlich ist, weil sie ohne Sicherung direkt auf der Autostrecke radeln müssen.

Verbote sind für die Katz

Manchmal sind es kleine Dinge, die den Verkehr besser machen. Etwa konsequent nach vorn versetzte Ampeln für Radfahrer an unübersichtlichen Kreuzungen. Oder genügend Fahrradgaragen an S-Bahnhöfen, die ohne vorherige Buchung nutzbar sind, so, wie am S-Bahnhof Othmarschen. Warum wird nicht jeder Bahnhof damit ausgestattet?

Ein Hindernis zum Abbau von Verkehrshindernissen ist es, wenn Ideologie politische Entscheidungen dominiert. Etwa bei Versuchen, Verkehre gegenseitig zu behindern, wie Grüne es wollen. Das führt nur zu Ungerechtigkeit, denn der öffentliche Raum gehört schließlich allen Bürgern. Also auch denjenigen, die Autos brauchen: Handwerker, Gehbehinderte, Senioren oder Familien mit kleinen Kindern – es kann eben nicht jeder zu Rad oder zu Fuß unterwegs sein, erst recht nicht bei jedem Wind und Wetter.

Wohin Verbotspolitik führt, das kann man auf einem halben Kilometer an der Max-Brauer-Alle in Altona-Nord und auf der 1,6 Kilometer langen Stresemannstraße besichtigen: Dort hat die grün geführte Umweltbehörde eilfertig Abschnitte für ältere Diesel-Pkw und -Lkw gesperrt. Doch die fahren weiter – auf Umwegen, geleitet von rund 100 Schildern. Weniger schädliches Stickoxid erreicht man mit Verboten nicht.

Innovationen nutzen

Wie könnte man nun clever mit dem Chaos fertigwerden? Verkehrsexperten bei der FDP schlagen Zweierlei vor: kurzfristige Maßnahmen und Schritte, die erst nach und nach wirken. Gegen Dauerstaus helfen beispielsweise digitale „Schlauampeln“. Die Intelligenzlinge spulen kein stur getaktetes Signalprogramm ab, sondern stellen sich automatisch auf die aktuelle Verkehrsdichte ein und schalten von Sensoren gesteuert nur auf Rot, wenn es nötig ist.

Schlauampeln sind in einem Hamburger Pilotprojekt schon einmal erprobt worden. Etwa an der Habichtstraße (Barmbek). Erfolg: zehn Prozent schnellererVerkehr und 1.300 Tonnen eingespartes CO2. Das wäre flächendeckend auch in Altona möglich.

Innovationen wie Schlauampeln sind es, die Hamburg braucht. Machen wir also unseren Bezirk zu einer Brutstätte für Verkehrslösungen. Um pfiffige Erfinder heranzuholen schlägt die FDP die Gründung eines Altonaer „Technologiepark Verkehr“ vor. Dort sollen Startups mit Investoren und Laboren an Zukunftslösungen tüfteln.

Baustellen behindern gerade gefühlt überall den Verkehr (Foto: Wiegand)

Rund 90% der Autoinnovationen schmieden nicht große Fahrzeugbauer, sondern kleine Pfiffikusse. Diese gebündelt in Altona vor Ort gäbe dem Bezirk eine Chance, zur bundesweiten Vorbildregion für vorausschauende Verkehrslösungen aufzusteigen.

Will der Bezirk den Anschluss nicht verlieren, müssen leistungsfähige Bahnen und Busse her. Die „Liberale Mobilitätszusage“ hat das Ziel, dass jedermann und jede Frau mit dem HVV zentrale Punkte der Stadt und ihren Arbeitsplatz mindestens so schnell erreichen können wie mit dem Auto. Weiter schlagen die Freien Demokraten vor: erschwingliche Flatrat-Angebote für Fahrscheine und ein konsequentes HVV-Pünktlichkeitsmanagement.

Konstruktiv beitragen zur Entwicklung volksnaher ÖPNV-Angebote könnte das Taxi- und Logistikgewerbe. Die Akteure dieser Branche kennen unsere Straßen aus dem Effeff. In ihnen steckt viel nutzbare Intelligenz beim Aufbau maßgeschneiderter Mitfahrgelegenheiten und Fahrdienste. Carsharing muss nicht nur in der Hand großer Konzerne liegen, ebenso wenig Sammeltaxi- Shuttleangebote wie das in Lurup und Osdorf erfolgreiche Bahntochterprojekt ioki.

Altona besser machen

Verkehrsplaner, Verkehrswirtschaft und Politik stehen indes vor der größten Herausforderung seit Erfindung des Kraftfahrzeuges: autonomes Fahren. Das wird auf den Straßen alles verändern – womit wir fahren, wie wir fahren und wohin wir fahren.

Experten prophezeien, dass selbstfahrende Autos mit künstlicher Intelligenz (KI) nicht bloß flüssigen Verkehr schaffen, sondern insbesondere die Unfallzahlen eindämmen werden. Derzeit entstehen die meisten Schadensfälle durch Denkfehler – digitale Rechner können das weitgehend vermeiden.

Hamburg betreibt jetzt die erste Politstrecke für den Einsatz selbstfahrender Fahrzeuge. Das ist auch gut so. Wir werden unsere Mobilität bewahren können. Wenn wir mutig und kreativ sind. Altona besser zu machen heißt auch, künftig nicht mehr den Stinkefinger zeigen zu müssen…

Wolf Achim Wiegand

Wolf Achim Wiegand ist Stv. Vorsitzender der FDP Blankenese und kandidiert auf Listenplatz 2 für die Bezirksversammlung